DigitaleStrategie

Digitalisierung = Erwachsenenbildung = Volkshochschulen (Zitate aus dem Koalitionsvertrag)

Der eben veröffentlichte Koalitionsvertrag ist, was unser Themenfeld Digitalisierung/Erwachsenebildung angeht, fast schon sensationell. Er löst eigentlich genau das ein, was ich hier im Blog im Oktober gefordert habe, ausgehend von den beiden Wortmeldungen von René Obermann (ZEIT) und Sascha Lobo (SPIEGEL). Christoph Köck, Karsten Schneider und andere haben das dann in ein Papier geschrieben, extra für die Koalitionsverhandlungen. Danke für die Arbeit! Das hat sich wirklich gelohnt.

Eigentlich wird im Koalitionsvertrag ausdrücklich der gesellschaftliche Auftrag an die VHSen erteilt, die notwendige Digitalisierung der unauffälligen Mehrheit in die Breite zu bringen. Das können weder Schulen noch Hochschulen leisten. Sozusagen „Breitband im Kopf“, parallel zum Glasfaserausbau. Das heißt dann auch: Es ist keine Zeit zu verlieren, das muss sofort losgehen. Wir brauchen quasi digitale Sprachkurse („Ich will Digitalesisch lernen“) und Integrationskurse („Die Leitkultur Digitaliens kennenlernen“).

Es ist wahr, dass Schulen und Hochschulen das nicht leisten können. Allerdings muss man auch ganz klar sagen: Bis jetzt sind die VHSen auf diese Herausforderung auch nicht vorbereitet. Das ist keine Schande, schließlich ist das auch sonst niemand. Aber wenn nicht wir, wer sonst? Wer sonst könnte attraktive, niedrigschwellige, schnell aus dem Boden zu stampfende, flexibel an die jeweiligen Regionen angepasste Angebote entwickeln? Da ist sonst niemand. Inwieweit wir das tatsächlich können, wird sich herausstellen.

Jedenfalls wird es mit herkömmlichen Computerführerschein- und MS Office-Kursen in Kellerräumen nicht mehr getan sein, und auch nicht mehr mit Multiple Choice-Zertifizierungen. Wir brauchen völlig neue Formate und Konzepte, und das möglichst schnell. Es ist eine enorme Chance, glaube ich, aber die Antwort muss sehr viel agiler erfolgen als bei bisherigen VHS-Projekten. Wir brauchen mehr Startup, weniger Bürokratie.

Hier sind die interessanten Passagen aus dem Koalitionsvertrag. Auch die Passagen zur beruflichen Bildung sollte man sich zweimal durchlesen! (Und das alles ist m.E. selbst dann wichtig und unhintergehbar, wenn die SPD-Basis die #GroKo durchfallen lässt. Hier gibt es Konsens bei allen Parteien. Es ist nur überraschend, dass das jetzt so konkret ausgesprochen und ins Auge gefasst wird.)

„Menschen müssen in jedem Alter und in jeder Lebenslage die Chance haben, am digitalen Wandel teilzuhaben, digitale Medien für ihr persönliches Lernen und ihre Bildung zu nutzen und Medienkompetenz zu erwerben. Wir wollen die Entwicklung von attraktiven, niedrigschwelligen Lernangeboten fördern, vor allem im Bereich der #Volkshochschulen, und die Qualitätssicherung in der digitalen Weiterbildung durch Bildungsforschung unterstützen.“ (S.31)

„In der Erwachsenenbildung wollen wir Programme und digitale Angebote für Menschen jeden Lebensalters fördern, die dem Erwerb von Digitalkompetenzen dienen, z. B. auch an Volkshochschulen und in Mehrgenerationenhäusern.“ (S.40)

„Wir ermöglichen lebenslanges Lernen und fördern beruflichen Aufstieg: Stärkere Ausrichtung Allianz für Aus- und Weiterbildung auf digitale Fort- und Weiterbildung. Recht auf Weiterbildungsberatung bei der Bundesagentur für Arbeit.“ (S. 12)

„Lebensbegleitendes Lernen wird eine Grundvoraussetzung sein, um der Digitalisierung der Wirtschafts- und Arbeitswelt erfolgreich zu begegnen. Die arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Instrumente der Fachkräftesicherung wollen wir enger verzahnen. Wir begrüßen die vielfältigen Anstrengungen, die bereits heute von den Sozialpartnern und in den Unternehmen unternommen werden, um eine zeitgemäße betriebliche Weiterbildung der Mitarbeiter zu ermöglichen. Mit dem Ziel, breiten Bevölkerungsteilen einen beruflichen Aufstieg zu erleichtern, die Fachkräftebasis zu stärken und die Beschäftigungsfähigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt nachhaltig zu fördern, wollen wir gemeinsam mit den Sozialpartnern und in enger Abstimmung mit den Ländern (und allen anderen Akteuren) eine Nationale Weiterbildungsstrategie entwickeln. Ein Ziel ist, alle Weiterbildungsprogramme des Bundes und der Länder zu bündeln, sie entlang der Bedarfe der Beschäftigten und der Unternehmen auszurichten und eine neue Weiterbildungskultur zu etablieren. Über die Bundesagentur für Arbeit erhalten alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein Recht auf Weiterbildungsberatung.“ (. 50)

„Arbeitnehmer brauchen mehr Möglichkeiten, ihre berufliche Weiterentwicklung auch in Eigenverantwortung zu organisieren. Wir werden gemeinsam mit den Sozialpartnern prüfen, wie das Instrument der Langzeitkonten mehr Verbreitung finden kann. Sie können ebenso wie andere Guthaben ein Instrument sein, die für Qualifizierung genutzt werden können. Wir werden neue Finanzierungsformen für außerbetriebliche Weiterbildung prüfen, die in Modellversuchen erprobt werden sollen.“ (S. 41)

„Wir wollen dafür sorgen, dass auch an Hochschulen mehr Online-Lernangebote und digitale Inhalte entstehen. Alle Studierenden brauchen künftig digitale Kompetenzen. Sie sollen digitale Wissens- und Lernangebote selbstständig nutzen und gestalten können sowie Datenanalyse und grundlegende Programmierkenntnisse beherrschen. Wir wollen, dass sich die Universitäten und Hochschulen öffnen und auf digitale Lehr- und Lernangebote zugreifen sowie selber bereitstellen. Dabei sollen z. B. Nano-Degrees (auch im Rahmen von Weiterbildungsstudienangeboten) an staatlichen Hochschulen erworben werden können.“ (S. 40)

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2 Kommentare zu „Digitalisierung = Erwachsenenbildung = Volkshochschulen (Zitate aus dem Koalitionsvertrag)

  1. Lieber Herr Lindner, lassen Sie sich doch bitte durch das Wortgeklingel des Koalitionsvertrags nicht blenden. Derartige Absichtserklärungen habe ich schon hunderte Male gelesen. Solange das Bildungswesen überwiegend Ländersache bleibt, hat der Bund kaum Zugriff (und vor allem keinen finanziellen Zugriff) auf Entwicklungen in der Erwachsenenbildung. Und in den Ländern, das wissen Sie auch, ist die Erwachsenenbildung strukturell und finanziell das fünfte Rad am Wagen des Bildungssektors.
    Ich will nicht schwarz malen, ich finde alle Bemühungen im Hinblick auf Digitalisierung des Lernens wichtig, nur: den aktuellen Koalitionsvertrag kann ich beim besten Willen nicht als Hoffnungszeichen für erweiterte Lernwelten in Volkshochschulen lesen.

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    1. Ich verstehe die Skepsis, und ich will nicht mal behaupten, dass sie am Ende nicht damit recht behalten können. Aber es ist doch qualitativ etwas gänzlich anderes. Es wird darauf hinauslassen, dass einigermaßen namhafte Summen für „Digitale Volksbildung“ gewidmet werden. Vermutlich in Form von Projekten, und wenn es schlecht läuft, mit ebensoviel bürokratischem Overhead wie bei den Integrationskursen. Allerdings mit besonderer maßgeschneiderter Rücksicht auf VHS-Verhältnisse, so ist zu hoffen. Es gäbe natürlich auch noch bessere, kreativere Strukturen, aber darauf zu hoffen, wäre wohl wirklich vermessen.

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