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User-Erfahrungen: Bibliotheken, Museen, VHS

Ich hatte jetzt lange keine Zeit, hier ins Blog hineinzuschreiben, aber es gibt viel Material. Spontan ein paar Überlegungen, die angeregt wurden von der Konferenz: On oder Off – Wie Kulturinstitutionen den digitalen Wandel gestalten. Da geht es in Loccum um die Übergänge von Offline und Online, und wie überall stellt das die Digitalisierung die Frage nach der eigenen Existenz: „Warum gibt es dich eigentlich? Was sind eigentlich wirklich deine Funktionen? Nicht die Funktionen, die du dir selbst zuschreibst, sondern die du für die Leute erfüllst, jeden Tag? Wie verändert sich das mit den digitalen Netz-Medien? Kann man diese Funktionen jetzt auch anders erfüllen und anders bündeln? Besser und/oder billiger?“

Kultur- und Bildungsinstitutionen neigen dazu, sich selbst falsch einzuschätzen. Die offizielle Mission ist niemals deckungsgleich mit der realen Funktion, die sie für die Menschen haben. Was wir von den vielen Web-Startups gelernt haben, vor allem in der großen Experimentierphase zwischen 2005 und 2010: Die Leute sind immer zuerst User, d.h. sie benutzen die jeweiligen Strukturen und Angebote, um bestimmte Erfahrungen zu machen. Sie haben schon auch grundsätzliche Ziele, aber die sind nie vollständig zu trennen von der jeweiligen Hier-und-Jetzt-Erfahrung. Diese User müssen wir kennenlernen. Da gibt es sehr verschiedene Profile und Szenarien, aber man kann das schon auch nach der Art der Einrichtungen (also des jeweiligen Service) verallgemeinern.

Bibliotheken, Museen und VHSen sind kommunale Kulturräume, die grundsätzlich allen BürgerInnen offenstehen. Wichtige Knotenpunkte der zivilen Bürgerkultur und damit mittelbar auch der Zivilgesellschaft. (BürgerIn verstanden im Doppelsinn: Mitwirkende/r Citoyen/ne im Rahmen der „öffentlichen Sache“ und sich selbst entwickelndes Subjekt.) Wie unterscheiden sie sich? Wie ergänzen sie sich? Welche zukünftigen Verschmelzungenen von Online/Offline-Erfahrungen zeichen sich ab? Dazu muss man erst einmal die „Kernerfahrung“ zu beschreiben versuchen. Ein erster Versuch:

Bibliotheken:

Ein Raum, in den ich eintrete, um (a) Teil von „Kultur“ zu werden, (b) „Zeit für mich“ und innere Ruhe zu haben, (c) das distanziert soziale Erlebnis von freundlich-introvertierten Gleichgesinnten. Hier wird gelesen und geblättert (manchmal auch umhergegangen: physischer Wissenraum).

Im digitalen Zeitalter wird das immer wichtiger: als offener und öffentlicher ziviler Raum, sozial aber doch eigensinnig, fokussierend aber nicht einengend, ruhig, mit Achtung der Mindestdistanzen.

Bücher und Medien-Objekte sind eher Hintergrund/Einrichtungsgegenstände/Tapete. Es ist schon nötig, dass sie da und benutzbar sind, aber sie sind zugleich Repräsentation eines bestimmten Raums und Träger einer bestimmten Atmosphäre, in der man sich bewegt. Vergleichbar mit kultivierten Menschen, die außerhalb des eigentlichen Gottesdiensts Kirchen besuchen.

Bibliothekare sind zunehmend so etwas wie Gastgeber. Dass sie auch konkrete Fragen beantworten, Wissensräume aufschließen, geistige Landkarten und Ordnungsraster vermitteln können, gehört dazu. Sie schaffen fließende Übergänge, auch wenn die meisten das nicht brauchen. Die Möglichkeit ist wichtig. Man kann jederzeit weiter und tiefer hineingehen, wenn man will.

Museum:

Ein gepflegter ästhetischer Raum. Stilvolles Die-Zeit-Verbringen. Ruhe. Sozial und doch eigensinnig.  Offen, niedrige Schwelle. Hier wird flaniert und gesehen/betrachtet.

Wiederum vergleichbar mit Kirchenbesuch, aber doch auch anders. Vergleichbar mit einer guten Sauna-Landschaft: Auch dort man gewinnt „Zeit für sich“. Dort geht es um die angenehme körperliche Empfindung, im Museum geht es um ästhetische Erfahrungen.

Unterschiedliche Räumen entsprechen unterschiedlichen Saunen oder Schwimmbecken: andere Farben, anderes Licht, andere Reize, verschiedene Aromen, verschiedene Intensitätsgrade.

VHS (in der positivsten Lesart):

Ein offenes, niedrigschwelliges Haus mit vielen Team-Räumen.  Kleine Gruppen treffen sich, um gemeinsam etwas zu tun, was man allein nicht machen kann oder mag.

Hier geht es um mich: um meine eigene Entwicklung, um mein eigenes Potenzial.
Auch außerhalb der Team-Räume erfasst mich eine freundliche, offene, anregende Atmosphäre, die mich erfasst und mitnimmt.

Hier ist eine Struktur, der ich mich anvertrauen kann und die mich Schritt für Schritt anschiebt oder/und einen Vorwärts-Sog entwickelt. Lerngruppen-Leiter sind auf Augenhöhe und nehmen verschiedene Rollen ein: Gastgeber, Projektmanager („Scrum Master“), Fachmensch und Fach-Scout, Feedbackgeber …

Überall bekomme ich ein wertschätzendes Feedback-Gefühl zurück: Du kannst das. Hier gilt mein Schwer-in-Ordnung-Ausweis.

VHS (typische Real-Erfahrung):

Ein Schulgebäude, mit abgekapselten Klassenzimmern. Ruft versunkene Erfahrungen und Verhaltensweisen ab.

Funktionsräume, mit Lehr- und Präsentationsmedien. Ästhetisch bestenfalls erträglich.
Kaltes, leeres Treppenhaus. Kühle Räume, die man erst mühsam anwärmen muss.
Hohe Schwelle, um in einen Raum einzutreten.

Ich bin „Kursteilnehmer/in“.

Zentrale Funktion der Lehrperson: Steht vorne, sagt was gemacht wird, muss liefern, ist verantwortlich. Sie ist „nett“ oder „nicht so nett“.
Sie bringt bestimmte Inhalte mit und schließt damit vor allem auch sehr viele Inhalte aus. Sie gibt „Methoden“ vor.

Hier habe ich immer meinen Behindertenausweis dabei. (Auch dann, wenn man mich das in meinem Kurs normalerweise nicht spüren lässt.) —

Es ist klar, dass dieses Gefühl sich stark unterscheidet, je nach dem Gebäude und dem Setting. Die neuen „Bildungshäuser“ fühlen sich anders an als die Häuser, die wir hier in Lingen haben, und wiederum anders als die Gemeinderäume in verstreuten Land-Volkshochschulen. Aber das ist die Basis.

Und hier bringt nun das Internet einen ganz neuen Akzent hinein. Das Netz ist selbst ein eigener Raum, mit einer eigenen Logik und einer allgemeinen User-Erfahrung. Diese Netz-Erfahrung wird jetzt quasi auf den realen Raum projiziert. Es können hybride Räume entstehen, in denen ich organisch und schwellenlos zwischen online & offline hin- und herwechsele – oder ich empfinde eben einen harten Bruch. Um die Gestaltung solcher hybrider Räume und ein übergreifender User-Erfahrungen wird es künftig gehen.

 

 

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2 Kommentare zu „User-Erfahrungen: Bibliotheken, Museen, VHS

  1. Das sind schöne, gute Überlegungen. Mir fällt nur auf, dass es zwischen Netz und genannten Institutionen den kleinen Differenzpunkt gibt, dass das Netz egalitär wirkt und struktureirt ist, während Bibliothek, Museum, VHS sich zwar als Angebot für alle darstellen, praktisch aber eine einschüchterne Podestschwelle haben. Die ist auch kaum vermeidbar, weil es sich um staatlich geförderte Bildungseinrichtungen handelt, sie also einem höheren Zweck zu dienen haben.
    Wollte eine Bibliothek sich in einen egalitären Ort verwandeln, wo sich wie in einer Kölner oder irischen Kneipe wirklich alle Schichten offen begegnen, dann müssten die klassischen Bildungszwecke in eine kleine Ecke verdammt werden, entsprechend ihrer realen Nachfrage. Es würde eher eine römische Wochenmarktatmosphäre herrschen. Die Leser würden dann aber wieder woandershin flüchten 😉
    Letzte Woche war ich bei einer Veranstaltung im Kommunalen Kino in Leverkusen. Das ist in der VHS angesiedelt, liegt 150 m vis-a-vis vom großen strahlenden Kino-Center. Besucherzahlen sind von einst 30.000/Jahr auf 5.000/Jahr zurückgegangen = 100 pro Woche. De Leiterin beklagte, bei den jungen Leuten wäre die Neugier verschwunden. Der Entdeckergeist.
    Alle diese schönen Orte, an denen sich die Gesellschaft noch einmal als vielfältig, divers, diskursfreudig etc. erleben könnte, werden – vermutlich – daran scheitern, das der immer diverser zusammengesetzten Gesellschaft der kulturelle Sinn nach Event steht. Und die werden eher zersplittert stattfinden als wiedervereinigend. Dann man den Freunden der Bibliothek auch ihre Bibliotheken lassen und gönngt den verschiedenen Gruppen halt ihre speziellen Vergnügungsstätten.
    Die Museen sind voll – in der Nacht der Museen. Die Ungeduld, mit der die Stimulierung eingefordert wird, ist die vielleicht auch eine Folge des Lustprimats, wie man es im Netz genießen kann, wo man munter von Vergnügen zu Vergnügen hüpft?

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    1. die kultur-angebote der zeit nach 1970 (und zu denen gehören kommunalkinos) sind ganz sicher am verschwinden. das ist eine generationensache, bei der technisch-mediale generationen ebenso eine rolle spielen wie die kulturbrüche, die immer schon zur abfolge der altersgenerationen gehörte. die bibliotheken haben insgesamt steigende besucherzahlen, was aber eher nicht an einer renaissance der buchkultur liegt. es ist, glaube ich, tatsächlich vor allem die anziehungskraft eines niedrigschwelligen, kultivierten raums, in dem introvertierte gemeinsam zeit verbringen können, ohne sich auf die nerven zu gehen. welche hybrien mischformen von netz/präsenz sich entwickeln werden, wissen wir noch nicht. bis jetzt kennen wir nur leute mit smartphones im nahverkehr und in malls.

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