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Digitale Volksbildung: Das ganz große Fass aufmachen

Digitale Volksbildung, die digitale Volkshochschule, digitaler Marshallplan. Siehe auch meinen letzten Blogpost hier zu den Forderungen von Sascha Lobo und René Obermann. Da macht Joachim Sucker in seinem Blog (also hier, Link repariert) das ganz große Fass auf. Mit Recht, finde ich, aber natürlich ist schon sein Text für einen Blogbeitrag zu lang. (Lest ihn!) Genauso wie diese spontane Kommentierung seiner Kernaussagen viel zu lang ist.

Hier sind lauter Gedanken, die mich gerade umtreiben, aufgehängt an Joachims Text und eingangs immer markiert mit „ML: …“. Ich werde sie wohl dann auch noch in kleinere Posts zerlegen, in den nächsten Wochen.

Volksbildung

„An dieser Stelle würde ich vorab den Begriff der Volkshochschule mit Volksbildung etwas breiter übersetzen. Lobo wird nicht denken, dass es eine Einrichtung ist, die die Aufgabe der digitalen Alphabetisierung stemmen kann.“

ML: Ja, „Volksbildung“. Als Weiterbildung für die unauffällige, zögernde Mehrheit, die langsam hinterherkommt und die immer eigentlich „etwas Wichtigeres oder Naheliegenderes zu tun hat“. Und zwar mit Respekt für ihr Zögern, das ja gar nicht unverständlich und oft auch gar nicht dumm ist.

Es stimmt ja, dass ständig aufgeregte und aufgeblasene Wortführer kommen, die warme Luft über „die Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ verbreiten. Es ist für jemand, der nicht schon lange drinsteckt, sehr schwer, das Richtige und Konstruktive von all dem Bullshit zu unterscheiden. Oder auch vom gutgemeinten, aber am Ende nicht weiterführenden Aktionismus der Begeisterten. Das skeptische Bauchgefühl ist schon richtig.

„Digitale Alphabetisierung“: Schwierig, weil es die Leute bereits paternalistisch klein macht. Wenn schon, dann so wie Paolo Freire Alphabetisierungskurse für brasilianische Indio-Bauern konzipiert hat: Indem man schriftliche Begriffe lernt, sich zugleich und sofort die Welt aneignen. Sich ermächtigen, und zwar so, dass man es unmittelbar spürt. Dass man Antrieb gewinnt. Ich würde die Leute aber nicht als Objekte von „Alphabetisierungskampagnen“ ansprechen. Wir brauchen einen besseren Begriff.

ELW

„Zwar haben die Volkshochschulen in den letzten Jahren das Konzept der „Erweiterten Lernwelten“ auf den Weg gebracht. Aber allein die Beschäftigung mit dem Thema der Digitalisierung auf der Angebotsebene hat Jahre gedauert und wird sicher auch noch Jahre benötigen. Das ist normal, sind ein Großteil der Entscheider doch Angehörige dieser unvernetzten Generation (Anja Wagner), die über Digitalisierung sprechen, sie aber weitestgehend aus dem eigenen Alltag verdrängen.“

ML: Ja, ELW sind Selbstbeschäftigung, und VIEL zu langsam. Auch viel zu unorientiert. Das muss schnell und agil passieren. Und es muss von der Business-Seite her gesehen werden: Den VHSen brechen die Leute weg, und sehr viele, die eine gute „Volksbildung“ brauchen können, werden gar nicht erreicht.  Wenn, wie ich hörte, auch schon die Sprachkurse spürbar austrocknen, dann ist wirklich Feuer auf dem Dach. Kulturelle Weltoffenheit durch Sprache: Das definiert im Grunde die VHS im öffentlichen Bewusstsein. Sonst bleiben irgendwann nur noch Fitness/Kochen/Ernährung plus immer neu augesetzte, nicht verstetigte Projekt-Angebote für hoffnungslos Abgehängte.

Microsoft Office für die breite Mehrheit: Das war digitale Volksbildung, beginnend mit Windows um 1990 und langsam auslaufend in den 00er Jahren. Seitdem brauchen die Leute keine herkömmlichen Word- und Excel-Kurse mehr. Aber sie bräuchten Kurse für vernetzte Informations- und Wissensarbeit im Web. Nennen wir es meinetwegen „Office Without Walls“ oder sogar „Office 4.0“. Erweiterte Berufswelten (EBW), sozusagen.

Warum jetzt dieser Ruf nach einer digitalen Volksbildung?

„Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung verzahnen sich immer stärker. Die Welt verändert sich auf allen Ebenen. Auch bei denen, die in dörflichen Strukturen kaum davon betroffen sind. Der Blick ins TV weckt Ängste. … Das Interesse, besser die Neugierde auf das Thema Digitalisierung scheint spärlich. VHS-Kunden haben auch früher die Kurse zum Klimawandel oder Globalisierung nur in Ausnahmen besucht. Politische Bildung erlebte einen starken Niedergang.“

ML: Kurse zu oder über „Digitalisierung“ sind sinnlos. (Herkömmliche Vorträge auch.) Die VHS hat es im Kern immer mit einem Ich zu tun, das sich fragt: Und was ist mit mir? Was bringt mir was? Wie komme ich jetzt einen konkreten Schritt weiter? Das hat sowohl eine emotionale Seite (Motivation, Energie, Feedback, Bestärkung) als auch eine pragmatische Seite (No Nonsense, lasst bitte den ganzen umständlichen Bullshit weg, nur das, was ich wirklich brauche). Deswegen hängen die Leute auch an Zertifikaten: Die sind irgendwie anfassbar, selbst wenn sie dann später in der Praxis wenig bis nichts bringen. (Eine NoNonsense-Bildungsberatung aus der Sicht der Guerilla-LernerInnen wäre sehr wichtig, aber das gibt es praktisch nicht. Ein bisschen wie der ProfilPass, nur halt viel, viel besser.)

Berufe

„Wer sich allerdings mit dem Thema beschäftigt, weiß auch, dass die Einschläge näher kommen. Wer erzählt Frau Meyer, dass der Job an der Supermarktkasse keine Zukunft hat? Wer sagt Herrn Müller, dass er als Versicherungsvertreter bald durch einen Algorithmus ersetzt wird? … Bankangestellte mit einem Bein in der Arbeitslosigkeit stecken? … Algorithmen besser, schneller, präziser und billiger sind als Rechtsanwälte ? Oder Mediziner oder KFZ-Mechatroniker … Wenn all diese Menschen nicht auf fluide Arbeitsmärkte vorbereitet werden, wird die gesellschaftliche Spaltung hässliche Züge bekommen. Daran wird auch das bedingungslose Grundeinkommen wenig ändern. Welcher Rechtsanwalt möchte schon Aquaponiker werden oder wie die ganzen neuen Berufe heißen werden.“

ML: Diese MeneTekel-Rhetorik ist m.E. problematisch. Erstens ist es so, dass die Leute eben doch „mit der Zeit“ gehen. Unterschwellig und schwer von außen wahrnehmbar passieren schon Dinge auf der informellen Ebene. Die lernen die ganze Zeit, auf einer bestimmten Ebene. Die Welt bleibt nicht stehen.

Zweitens ist diese MeneTekel-Taktik selbst dann keine gute Idee, wenn die Botschaft so stimmen würde. So formuliert, führt das zu Lähmung und Defaitismus. Genau das passiert mit Klimawandel und digitaler Massenüberwachung. Die Leute brauchen einen konkreten Ansatz, was sie selbst konstruktiv tun und sich dabei/dadurch besser fühlen können. (Es gibt auch den Katastrophenmodus, der Kräfte freisetzt, aber eben erst dann, wenn sie unmittelbar da ist.)

Verkalkte Bildungs- und Weiterbildungslandschaft

„Es geht also schlicht um die Zukunftsfähigkeit, um den sozialen Frieden und Wohlstand. Wie bekommen wir aber Schwung in den Laden?“

ML: Ja, im Grunde stimmt das schon. Wir müssen in die Gänge kommen, und mit den alten Formen und im alten Trott wird das nie, niemals gelingen. Das kann man vornherein vergessen. (Trotzdem muss man daneben auch unablässig am ganz dicken Brett weiterbohren!)

„Es ist kaum vorstellbar, dass die notwendige digitale Alpabetisierung in tradierten Bildungssettings gelingen kann. Die unvernetzte Generation hat eine unflexible Bildungslandschaft hergestellt. Innovative Fördertöpfe werden in einer ehrenwerten Gesellschaft aufgeteilt. Man kennt sich, man schätzt sich, man weiß schon vorher, was herauskommt. Die Förderbedingen schaffen Sicherheit für die Vergabestellen und minimieren Kreativität und Risiko.“

ML: Ja, das ist ein Kernproblem. „Bildung“ ist eben nicht genau messbar und beobachtbar. Sie ist „irgendwie wichtig“, es gibt also ein größeres Budget der Gesellschaft, aber es gibt keine klaren und agilen Kriterien für das, was die eingesetzten Investitionen bewirken. Das führt dazu, dass die Lehrenden und ihre Institutionen über viele Jahrzehnte hinweg lauter Biotope gebildet haben, in denen man sich gut eingerichtet hat und so weitermacht wie gewohnt. Man denkt von sich selbst und den eigenen gutgemeinten „Angeboten“ aus. Also nicht von dem, was die Leute da draußen WIRKLICH brauchen bzw. auch überhaupt wahrnehmen können.

„Know Your User“ lautet der Schlachtruf der digitalen Ökonomie, und damit ist gemeint: die NutzerInnen (das ist besser als „KundInnen“!) nicht wie wir sie uns wünschen, nicht einmal so wie sie sich selbst gern sehen würden, sondern so, wie sie wirklich sind.

Ganz neue digitale Lernkultur (jenseits von Kurs/Angebot/Zertifikat)

„Digitale Volksbildung braucht eine dynamische und mehrdimensionale Netzwerkstruktur. Es gibt nicht den einen Bildungsanbieter, der alle Themen, alle Zielgruppen, alle Bildungsformate und alle Orte erreicht. Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass es nur geschlossene Lerngruppen gibt. Wir brauchen eine Lernkultur, die einen ständigen Rollenwechsel zwischen Teilnehmer und Teilgeber vorsieht, die mit Humor und Leichtigkeit Neugierde schafft. Das Ungewisse zuzulassen. Dabei das Ziel: Die Menschen zu befähigen sich selbst zu orientieren und im Web die Antworten auf die eigenen Fragen zu finden nicht aus den Augen zu v verlieren Wir brauchen einen Kulturwechsel in der Bildung.“

ML: Ja, das stimmt schon. Das machen wir im Web, in unseren digitale Communities of Practice & of Interest, aber das hilft uns kaum weiter, wenn es um die große, unauffällige Mehrheit da draußen geht.

Und natürlich haben wir doch die bestehenden Institutionen. Die haben das Geld und die Ressourcen, die haben Klassenräume, die haben organisatorische Apparate. mit denen man etwas Konstruktives machen sollte und auch machen kann. Und die Institutionen sind auch in den Köpfen der Menschen: Von ihnen erwarten sie etwas, das ihnen hilft. Taktung, Vorauswahl, Coaching bis zur Betüdelung. Man kann sie nicht einfach bypassen.

Joachim sagt, wir brauchen eine Struktur und neue Organisationsformen für die digitale Volksbildungsbewegung (Barcamps, Maker Spaces, Werkstätten aller Art). Das ist gut und notwendig, und man kann mit sehr viel weniger Geld als typische Institutionen brauchen oft sehr viel mehr bewirken.

Trotzdem: Es ist nicht die Lösung. Notwendig, aber bei weitem nicht zureichend. Es ist die Bewegung derjenigen, die sich bereits digitalisieren. Die Bewegung der Schrittmacher und Schwunggeber, die wir dringend brauchen. Das muss in alle Regionen, Landkreise und Stadtviertel verbreitet werden. Aber es ist noch nicht die „digitale Volksbildung“ selbst.

Finanzierung: Das würde bedeuten, neben die VHSen und all die anderen Bildungsträgern eine neue, modernere usw. Volksbildungsinstitution zu stellen. Im Prinzip ja, aber natürlich wirft das große Probleme auf:

Das ist eben alles noch diffus: Eine neue Subventionsquelle? 1000 Möglichkeiten für großsprecherische Gschaftlhuber, sich eigene Schrebergarten-Reiche aufzubauen. 1000 Möglichkeiten für Strohfeuer-Enthusiasmus, der ein, zwei Jahre lodert und dann restlos in sich zusammenfällt. 1000 Möglichkeiten für sinnlose „Bildungsforschung“ von guten Leuten an irgendwelchen Hochschulen, die sich von Projektjob zu Projektjob hangeln und in ihren Zirkeln unter sich bleiben?

Wieder ein Biotop für prekäre Beschäftigung, wo die Leute schon aus Not sich an ihre Projekt-Planken klammern? Anstatt in einem agilen Prozess greifbare Lösungen für reale NutzerInnen zu bauen, in einem Dreimonatsrhythmus? [Und bauen meint hier erst in dritter Linie „coden“.]

Ja, es ist falsch, sofort mit Bedenken zu kommen. Und trotzdem müssen wir das alles bedenken. Das ist mühsam. Fangen wir an, indem wir möglichst viel Klartext reden, wenigestens unter uns.

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Digitale Volksbildung: Das ganz große Fass aufmachen

  1. „Den VHSen brechen die Leute weg, und sehr viele, die eine gute „Volksbildung“ brauchen können, werden gar nicht erreicht.“ … Also bei ‚uns‘ kann ich diese Entwicklung so nicht beobachten. Es gibt ein Auf und Ab in unterschiedlichen Bereichen. … Ich widerspreche auch, sowohl Joachim als auch hier, dass der Aufbruch durch ELW viel zu langsam sei. Wer – wie ich – seit Jahren an dem Thema dran ist, wünscht sich immer, dass alles schneller ginge. Aber gerade seit ca. einem Jahr habe ich schon das Gefühl, dass ein ungewohnter Drive in der Landschaft ist, den man nun nicht tot oder schlecht reden sollte. Es wird wieder experimentiert, und das nicht zu knapp. Es werden Risiken eingegangen. … Eine bundesweite Plattform wie die vhs.cloud ist mehr als ein guter Anfang. Wenn nun das Geld da wäre, damit jeder Bundesbürger einen kostenlosen Zugang haben könnte und sich damit von Messagern wie Whatsapp etc. abwenden könnte und erreichbarer für Bildung würde, wer würde nicht von sowas und dem nötigen Geld in der Weiterbildungslandschaft träumen. Aber die dezentrale Graswurzelstruktur der Volkshochschulen, kirchlichen Bildungsträger, freier Träger etc. hat auch Vorteile in einer förderalen Demokratie. Und alles Zentralistische kann auch Nachteile haben: Wenn am Ende einige wenige – sicher sehr fortschrittlich denkende Menschen – den Prozess steuern und eine Rückbindung an die demokratischen Strukturen nicht mehr nötig oder als zu mühsam empfunden werden, sehe ich in dieser Idee nicht nur Vorteile. Demokratie und Förderalismus sind anstrengend … für einen König und sicher auch für einen Vordenker.

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