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Public Viewing in der vhs: Smart Democracy

Gestern abend war die erste der Smart Democracy– Veranstaltungen. In Abständen zwischen 2 und 4 Wochen veranstaltet jeweils eine VHS eine Live-Diskussion zu einem Thema der neuen „digitalpolitischen Bildung“. Die vier Themen sind: (1) Politische Kommuniktion und Wahlkampf im Netz; (2) Digitalisierung und Demokratie: Risiko und Chance; (3) Überwachung und Selbstoptimierung; (4) Hate Speech / Hasskommentare im Netz.

Die Veranstaltung wurde von 44 VHSen live in einen Raum vor Ort gestreamt. (Insgesamt übertragen 68 eine oder mehrere Veranstaltungen der Reihe.) Wir hier in Lingen haben das auch gemacht. Es war eine wertvolle Erfahrung: Man lernt viel mehr, wenn man so etwas tatsächlich selbst erlebt, als wenn man nur am Schreibtisch über solche Mischformen Online/Präsenz nachdenkt. Hier sind meine Eindrücke und unfertigen Überlegungen dazu, die natürlich überhaupt nicht zutreffen müssen. Diskussion ist willkommen. Ich nummeriere mal die Bruchstücke, dann kann man sich beim Kommentieren auf die jeweilige Nummer beziehen.

Bei uns ist niemand gekommen. Mich hat das überhaupt nicht überrascht, aus mehreren Gründen:

(1) Das ganze wurde als „Webinar“ beworben. Erstens weiß da draußen fast niemand, was ein „Webinar“ ist, und zweitens gehören die wenigen, die es wissen, nicht zur normalen Klientel einer regionalen VHS. (Das mag in Großstädten anders sein.) Drittens war das überhaupt kein Webinar: Darunter versteht man üblicherweise einen Online-Kurs oder ein Online-Seminar, bei Leute live zusammenschaltet, die draußen isoliert am PC sitzen und sich aktiv am Lehr/Lernprozess beteiligen. Die typische Software dafür ist Adobe Connect oder Vitero (oder Big Blue Button u.v.a.)

(2) Niemand kann sich also etwas unter diesem neuen Format vorstellen. Aus unserem Print-Flyer konnte man überhaupt nicht entnehmen, welche Art von Erlebnis/Erfahrung da zu erwarten ist. Warum soll man sich dann also einen Schubs geben und Donnerstag abends zwischen 17:45 bis 20:00 hinüber zur VHS fahren? Die Leute in unserem Einzugsbereich gehen da entweder nach der Arbeit hin oder kommen von zuhause. Die meisten brauchen mindestens 15 Minuten mit dem Rad (bei miesem Wetter) oder mit dem Auto. Das muss man schon von vornherein SEHR leidenschaftlich interessiert sein, um das zu machen.

(Es gab hier wohl mal eine Live-Veranstaltung zu „Migration im Emsland“: Das war ein brennendes Thema und brachte ein volles Haus. „Digitalisierung“ regt niemand auch nur annähernd so auf. Das ist viel kühler, weniger greifbar, eher ein vages Unbehagen verursachend.

(3) Am ehesten wären die politisch Engagierten in Frage gekommen, aber die haben vermutlich direkt vor der Wahl den Kanal voll. Und vermutlich haben sie es auch gar nicht mitbekommen, weil sie normaler Weise eher nicht in die VHS gehen. Diese Leute müsste man im Marketing-Vorlauf gezielt ansprechen. Es gibt in und um Lingen sicher ein paar davon, aber die müssten wir einladen. Das einfach ins Programmheft und in die Zeitung zu drucken, funktioniert ganz sicher nicht.)

(4) Ich war ganz froh, dass das de facto ein Testlauf unter Ausschluss der Öffentlichkeit war. So konnten wir das Setting erst einmal selbst ausprobieren. Wir haben uns also zu dritt als Versuchskaninchen hingesetzt und überlegt, wie „normale“ TeilnehmerInnen das erleben. Wie also? Wir saßen in einem Seminarraum im alten VHS-Gebäude mitten in der Stadt, also nicht in einem gesichtslosen Schulbau. Das war schon mal gut, denn das ist quasi öffentlicher Raum. Wir haben auch Gebäude mit „Klassenzimmern“. Die sind eher leblos. Dort wäre das so, als wenn man abends eine Veranstaltung in der örtlichen Schule machen würde. Das würde sich nicht gut anfühlen.

(5) Der Ton war nicht perfekt, aber gut genug. (Ich hatte das Gefühl, dass er mit der Zeit noch besser wurde, aber vielleicht hatte man sich nur daran gewöhnt.) Das Bild war ok, wenn man den Raum leicht abdunkelte. Die Übertragung hatte einmal kurz einen Aussetzer, sonst waren es nur ganz wenige Störungen. Insgesamt kein Problem.

(6) Das Setting im Raum war ein Problem. Es war ein Seminarraum-U. Wir haben dann die Tische anders aufgestellt: Entweder als kleinen Kreis ganz vorn (Da könnten dann, wenn es voll ist, vielleicht 15 Leute sitzen.) Oder man könnte eine Cafe-Anordnung nehmen: immer zwei Tische zusammen, so dass sich quadratische „Inseln“ ergeben, schräg in den Raum gestellt.

(7) „Cafe“ ist das Stichwort: Man kann das m.E. nicht als VHS-Standardveranstaltung inszenieren, mit Vortrag und Podium, und die Leute sitzen in den Stuhlreihen und starren 2 Stunden konzentriert auf das eher unscharf aufgelöste Bild. Das ist ein Public Viewing, ein Event. Wir brauchen eine Metapher für solche Hybrid-Veranstaltungen, die emotional funktioniert und irgendwie Spaß macht.

(8) Aus meiner Sicht wäre der Mehrwert: Wir hier in Lingen können uns an Diskussionen und Veranstaltungen beteiligen, wie sie sonst nur in Berlin und Hamburg stattfinden. Wir sind via Internet sozusagen Teil des „Metro-Raums“. Das Gefühl hat man nicht, wenn es aussieht wie eine selbstgemachte TV-Übertragung von irgendeiner Veranstaltung im Bildungsfernsehen. (Und auch dort schaut dann fast niemand zu.) Es müsste sozusagen eine Verbindung zwischen dem Live-Ort und dem Public Viewing-Ort geben. Das darf dann weder „Vortrag“ (mit nebenbei gesagt unlesbaren Slides) noch „Podiumsdiskussion“ sein. Diese Formate sind ohnehin Auslaufmodelle in der digitalen Gesellschaft. Etwas, das ganz grob in die richtige Richtung geht, waren die „Auf einen Kaffee“-Webtalks meines alten Kumpels Lutz lutzland Berger: Beispiel hier. (Das Einmann-Videoteam Lutz ist der einzige, den ich kenne, der ein Gefühl dafür hat, wie man Lebendigkeit und Unmittelbarkeit ins Netz überträgt.)

Webtalk in Heidelberg

(9) Stattdessen brauchen wir eine Mischung aus „Townhall“-Feeling (am Live-Ort) und „Cafe“-Feeling (bei uns, im kleineren Maßstab). Idealer Weise gäbe es was zu knabbern und zu trinken, ungefähr wie bei einem Weiterbildungsseminar. Wenn es Bier (in 0,33-Flaschen) gäbe, wäre es auch nicht falsch bei solchen Themen. Das muss überhaupt nicht aufwändig sein, sondern eher symbolisch, zur atmosphärischen Einstimmung.

(10) Das „Auf einen Kaffee“-Videobeispiel oben ist vielleicht etwas zu sehr entspannter Talk, es müsste einen Tick straffer sein. Aber es gibt ein Gefühl dafür, wie schnell man reden soll. Die Leute bei „Smart Democracy“ redeten viel, viel zu schnell. (Inklusive Moderator.) Wer nicht daheim die Kopfhörer aufhat und in einem Raum mit zwangsläufig nicht-optimalem Raum-Ton sitzt, schaltet da schnell ab.

(11) Es braucht auch einen anderen Sprechrhythmus. Man könnte z.B. die 2 Stunden in dreimal 30 Minuten zerlegen. Die „Experten“ müssten ihren Input dann auf sagen wir 7 oder 10 Thesen oder Kernaussagen zuspitzen. Diese Thesen kennt man vorab, auch die Leute draußen haben sie. (Vielleicht sogar ausgedruckt.) Statt einem Vortrag gibt es dann ein Gespräch zu den Thesen, vielleicht so wie das „Kaminfeuer-Talk“-Format (die Wikipedia dazu), das es manchmal auf Konferenzen gibt:

(12) Zwischen den drei intensiven Input-Phasen muss es jeweils Lücken geben, damit man vor Ort diskutieren kann. (Wir haben auch inhaltlich gleich spontan begonnen, gegen das Gebotene anzudiskutieren. Das ist ja eigentlich ein erwünschter Effekt.) In diesen Lücken könnte man auf die Fragen eingehen bzw. die Leute denken überhaupt erst darüber nach, welche Fragen sie stellen wollen. Man könnte ihnen sagen, dass sie die Fragen auf Papier notieren und dann erst jetzt eingeben sollen. Dann kann man zeigen, wie die Fragen live hereinkommen.

(13) Man könnte in den Pausen auch je eine Schaltung nach draußen machen. (Also zum Beispiel nach Lingen.) Nicht lange, nur um den Eindruck zu bekommen, dass überall da draußen Leute sitzen, die quasi gemeinsam im virtuellen Raum sind. Dann entsteht im Idealfall ein Live-Wir-Gefühl, dass man eben im TV nicht hat.

(14) Die Grundfrage bei solchen Formaten ist ja: Was helfen sie den VHSen vor Ort? Die haben überhaupt nichts davon, wenn die Leute allein im Arbeitszimmer mal in einen Livestream hineinschauen, der mit „vhs“ gebrandet ist. VHS ist regionale #Präsenz und Wir-Gefühl. Es ist eine Herausforderung, wie man das ins kommende digitale Zeitalter transportieren kann. Wir werden dafür hybride Formate entwickeln müssen. also Mischformate Online/Präsenz. Das ist natürlich nicht leicht, aber jetzt haben wir einfach mal angefangen. Da sind wir ganz weit vorn: Niemand versucht bisher mit solchen Formaten ein Mainstream-Publikum zu erreichen. Bisher ist das sonst im Grunde alles berlinerischer Geek-Kram.

Einen großen Dank an Stefan @sjwpe Will und Mark @Stocksmeyer und alle anderen, die beteiligt waren!

 

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu „Public Viewing in der vhs: Smart Democracy

  1. Hallo Martin! Danke für Deine Zusammenfassung – mir geht es ähnlich…
    Im Nachhinein war ich froh, dass der Präsenztermin an unserer vhs mangels Anmeldungen ausfiel – wir haben es gleich ganz gelassen und ich habe die Übertragung dann von zu Hause aus verfolgt.
    Von kleinen Technik-Problemchen abgesehen, lief es ganz gut – Bild und Ton wären vermutlich (gemäß den Erfahrungen der MoocBar des ichMooc) in großer Runde nicht unproblematisch gewesen.
    Auch ich empfand die Dichte und das Sprechtempo als zu hoch, die Folien konnte ich aber am PC gut lesen – mehr Abwechslung und ggf. Pausen wären gut gewesen…
    Ich habe mich dann gefragt, wie ich in der Präsenz die Fragen der Anwesenden hätte „einfangen“ sollen, denn so war es angedacht? Jedes Seitengespräch hätte wohl gestört… Und gerade die TN in der Präsenz hätten wohl gerade kein Smartphone etc. dabei, um das Tool selber zu bedienen.
    Entsprechend wenig war los in der Fragen-App (und in Twitter) – schade…
    Auch hatten wir einen Moderator vor Ort verpflichtet, um noch anschließend eine Diskussion an der vhs zu ermöglichen, die TN nicht einfach heimzuschicken – ich denke aber, nach den sehr dichten 2 Stunden wäre da wohl nix mehr zu holen gewesen?!
    Ein paar Getränke an der vhsBar beim DemocracyViewing wären vermutlich tatsächlich hilfreich 😉 – aber wie die Veranstaltungsform zu benennen ist, ist mE Nebensache…Ich freue mich, dass sich der dvv und viele vhs’en mit diesem wichtigen Thema in die Erweiterten Lernwelten getraut haben!!!
    Nur durch das Tun und Ausprobieren lernen wir damit umzugehen und die #elw irgendwann mal selbstverständlich zu nutzen und zu integrieren.
    Bin schon gespannt auf einen regen Austausch…

    Gefällt mir

    1. Ja, genau. Das Problem ist halt, dass die VHSler, die jetzt noch enthusiastisch mitmachen, dann frustriert auf der Strecke bleiben, wenn sie alleingelassen werden. Man muss jetzt systematisch auswerten, was man machen kann, was es genau braucht, damit zuerst mal 5 Leute kommen (und später dann 15 …).

      Wie man es nennt, ist glaube ich aus Marketing-Sicht schon sehr wichtig. Es gibt hier kein klares Vorbild. Man braucht irgendwas Griffiges, Neugierig-machendes, das irgendwie transportiert, das es um die Schnittstelle Online/Präsenz geht. „Public Viewing Diskussion mit direkter Beteiligung“ ist zu umständlich. Public Viewing vhsDIGITAL-Cafe? (Nicht zuviel Englisch, aber Public Viewing ist wg. Fußball vermutlich gut verständlich.)

      Ich glaube, ich verpasse hier allen Digitalisierungsveranstaltungen das „vhsDIGITAL“-Label. Das ist übrigens auch ein besserer Hashtag als #vhs und #democracy. beim ersten bekommt man immer die Video-Archäologen-Tweets (viele), beim zweiten amerikanischen Anti-Trump-Diskussionen.

      Gefällt 1 Person

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